Tagung „Grüne Infrastruktur in Brandenburg“ – ein Rückblick

Erhaltung und Wiederherstellung des Biotopverbundes im Wechselspiel mit der Verkehrsinfrastruktur

© MIL, Monika Engels

Das Infrastruktur und Umweltressort des Landes Brandenburg richteten im September 2017 erstmals eine gemeinsame Tagung mit dem Bundesamt für Naturschutz zum Thema Zerschneidung, Wiedervernetzung und Biotopverbund aus.

Die drei Veranstalter,

  • das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung (MIL),
  • das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft (MLUL)
  • sowie das Bundesamt für Naturschutz, Außenstelle Leipzig,

hatten ein attraktives und weitgefächertes Programm über zwei Tage zusammengestellt. So war die Tagung gut besucht, zumal der Ort, die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, passend zum Thema gewählt war und mit Hörsaal, Foyer, Innenhof und Mensa alles bot, was für einen reibungslosen Ablauf einer solchen Veranstaltung notwendig ist. © MIL

Herr Minister Jörg Vogelsänger (MLUL) sowie Herr Egbert Neumann (MIL, Abteilungsleiter Verkehr) begrüßten die zahlreichen Teilnehmenden. Ein herzliches Willkommen – Serdecznie Witamy - ging an die polnischen Kolleginnen und Kollegen aus den benachbarten Woiwodschaften! Schließlich kennen Biotopverbund und Lebensraumnetze keine Landesgrenzen.

Frau Marita Böttcher vom Bundesamt für Naturschutz moderierte mit Kompetenz und Humor die Veranstaltung, die 13 Vorträge zu den verschiedenen Facetten der grünen Infrastruktur in Brandenburg bot.

Grünbrücken im Rahmen der  Wiedervernetzung

Im Jahr 2005 wurde in Brandenburg an der A 11 im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin die erste Grünbrücke gebaut, die die fast 70 Jahre lang getrennten Habitate wieder miteinander verknüpft.  © MILDann brachte das Bundesprogramm Wiedervernetzung einen deutlichen Impuls für den Bau von weiteren Grünbrücken in Brandenburg. Das Programm, welches 2012 von der Bundesregierung beschlossen wurde, bezieht sich auf bereits seit langem bestehende Zerschneidungen von Lebensraumkorridoren und Lebensraumnetzen insbesondere durch Autobahnen. Bereits im Vorfeld zum Bundesprogramm Wiedervernetzung wurde die Gelegenheit genutzt, im Rahmen des sogenannten Konjunkturpakets II (KP II) von 2009 innerhalb von kürzesten Planungs- und Bauzeiten 2011 und 2012 drei Grünbrücken zu realisieren:

  • A 9 bei Niemegk, Baujahr 2011
  • A 13 bei Teupitz/Tornow, Baujahr 2011
  • A 12 bei Kersdorf,  Baujahr 2012

Dies war nur durch eine große Kraftanstrengung aller am Prozess Beteiligten möglich.

Nach dem KP II wurde

  • 2014 an der A 11 eine weitere Grünbrücke bei Melzow fertiggestellt.

Außerdem befindet sich an der A 9 bei Beelitz gerade eine Grünbrücke im Bau (Fertigstellung 2019).

Erfolgskontrollen

Alle Grünbrücken wurden erfolgreich angenommen, wie mehrjährige kontinuierliche Erfolgskontrollen mittels einer permanenten Videoüberwachungsanlage, die durch den Landesbetriebes Forst Brandenburg (LFB) (→ Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE)) betrieben wird, zeigen. Neben weiteren Auswertungen wurden die aktuellen Berichte auf der Tagung vorgestellt und können unter folgender Internetadresse bezogen werden: http://forst.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.530454.de Zum Erfolg der Grünbrücken trägt auch der freiwillige Jagdverzicht in einem Umkreis von ca. 300 m auf Flächen des Landesforstes bei, wie der LFB darlegte.

Grünbrücken im Rahmen der Vermeidung

Der sensible Umgang mit Natur und Landschaft ist heute mehr denn je ein integrativer Grundsatz zeitgemäßen Straßenbaus. Die Prüfung der Erforderlichkeit von Querungshilfen nach dem Merkblatt für die Anlage von Querungshilfen (MAQ) aus den Jahr 2008 für Tiere und ihre Lebensräume ist Bestandteil jeder Straßenneu- und –ausbauplanung. So wurden aus Gründen der Vermeidung von Eingriffen in Natur und Landschaft bereits drei Grünbrücken (B 101 bei Luckenwalde, B 101 bei Wiesenhagen sowie A 14 südlich Groß Warnow) gebaut. Eine vierte Grünbrücke befindet sich an der B 101 bei Thyrow im Bau.

Überblick und Planungsgrundlagen

Einen Überblick über alle zehn realisierten bzw. im Bau befindlichen Grünbrücken zeigt die Karte „Grünbrücken in Brandenburg“ im Download-Bereich. Auch die noch in Planung befindlichen Grünbrücken bzw. im Bundesprogramm Wiedervernetzung aufgenommenen Querungshilfen sind verortet.

Das MAQ von 2008 wird zurzeit überarbeitet, aktualisiert und mit dem Merkblatt zum Amphibienschutz an Straßen (MAmS) zusammengelegt, wie ein weiterer Vortrag darlegte. Im Mittelpunkt des neuen MAQ wird der Ansatz der Verknüpfung von Lebensräumen stehen – Querungshilfen sollen nicht nur einzelnen Tierarten, sondern möglichst einem breiten Artenspektrum in seinen dazugehörigen Lebensräumen das sichere Queren von Straßen ermöglichen. Die auf der Tagung erläuterte Karte des landesweiten Biotopverbunds Brandenburg, die Grundlage des Landschaftsprogramms Brandenburg sein wird, bietet eine fundierte Basis für diese lebensraumbezogene Vorgehensweise und ist unter folgender Internetadresse mit Erläuterungen verfügbar: http://www.mlul.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.438859.de

Bei dem Neu- und Ausbau von kompletten Streckenzügen von hochbelasteten Straßen ist es wichtig, zu einem frühen Planungszeitpunkt einen Überblick über die möglichen Zerschneidungswirkungen und die zu ergreifenden Maßnahmen zu gewinnen. So wurde im Fall des Ausbaus der B 96 Nord von der Ortsumgehung Oranienburg bis zu Landesgrenze mit Mecklenburg-Vorpommern ein Konzept zur ökologischen Durchlässigkeit vorgestellt, welches dann in den einzelnen Planungsabschnitten sukzessive konkretisiert und umgesetzt werden wird.

Nachbarland Polen

Sehr beachtenswert war ein Blick über die Landesgrenze in das Nachbarland Polen. Der Vertreter der Generaldirektion Dyrekcja erläuterte die reichhaltige Naturausstattung von Polen, die vielen Neu- und Ausbauvorhaben sowie die Sicherstellung der Vernetzungsbeziehungen durch den Bau von zahlreichen Querungshilfen.

Konstruktion einer Grünbrücke

Wie wird eigentlich eine Grünbrücke gebaut? Wer sich diese Frage gestellt hatte, wurde durch einen Vortrag des Landesbetriebes Straßenwesen Brandenburg genau in Kenntnis gesetzt. So wurde u.a. dargelegt, wie man von den ersten kolorierten Handskizzen im Rahmen der Studie hinsichtlich der möglichen konstruktiven Lösungen in Bezug auf Geometrie und statisches System zu einer Vorzugslösung und der Umsetzung in die ersten technischen Zeichnungen kommt. Verschiedene Konstruktionsarten von Grünbrücken wurden mit ihren Vor- und Nachteilen vorgestellt und mit Beispielen belegt.

Partner

Die Unteren Naturschutzbehörden (UNB) sind wichtige Partner bei der Vorhabenplanung. Der Blick der UNB Teltow-Fläming auf den Straßenbau im Landkreis, den Bau von Querungshilfen sowie auch die Pflege und Unterhaltung der Tierquerungsanlagen und die damit verbundenen Konflikte und Probleme war spannend und informativ. Die Stiftung Naturschutzfonds unterstützt den Biotopverbund im ganzen Land Brandenburg – dazu wurden anschauliche Beispiele wie z.B. stationäre Amphibienleiteinrichtungen, die Anlage von Hecken, Gehölzgruppen und Baumreihen oder auch Fischaufstiegsanlagen gezeigt.

„Verlust der Nacht“

Nicht nur Straßen und andere linienhafte Infrastrukturvorhaben sondern auch Licht können eine Barriere darstellen! Diese für viele im Detail nicht bekannte Tatsache wurde durch das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in einer fesselnden Präsentation aufgezeigt. Die Ausführungen zum „Verlust der Nacht“ mit den Wirkungen von künstlichem Licht in der Nacht auf die biologische Vielfalt führte zur These bzw. Frage, ob sich die Naturschutzbemühungen in den vergangenen Jahrzehnten bislang vielleicht nur um die Hälfte der Geschichte, die Tagesgeschichte, gekümmert hätten.

Forschung

Auch wichtige Forschungsvorhaben wurden vorgestellt: Das Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben (E & E) „Holsteiner Lebensraumkorridore“ zeigt, wie in Schleswig-Holstein bundesweit erstmalig eine Grünbrücke und ein fischottergerechter Gewässerdurchlass mit „ökologischen Hinterlandanbindungen“ ausgestattet wurden. Seit von 2010 bis 2013 lokale Projektpartner ihre Ideen zur Gestaltung wirksamer Lebensraumkorridore umsetzen und vorhandene Lebensraumnetze zu kohärenten Korridoren entwickelt werden konnten, steigt die Wirksamkeit der Bauwerke kontinuierlich an. Mehr Informationen sind hier zu erhalten: http://www.lebensraumkorridore.de/.  Zudem werden alle Ergebnisse des E & E Vorhabens 2018 in der Schriftenreihe des BfN "Naturschutz und Biologische Vielfalt" veröffentlicht.

Ein Forschungs- und Entwicklungsvorhaben zum Thema „Ökologische Pflege von Straßenrändern“ beschreibt, wie wertvoll der Straßenseitenraum auch im Vergleich zu den 80er Jahren inzwischen für den Biotopverbund geworden ist. So ist die ehemals erhebliche Bleibelastung inzwischen nicht mehr existent und sonstige Begleitbiotope der Landnutzungen wie Wegsäume, Raine, Hecken oder Tümpel sind mittlerweile meist sehr nährstoffbelastet, ungepflegt oder ggf. nicht mehr vorhanden. Außerdem ist das Begleitgrünmanagement gegenüber den 1980er-Jahren meist weniger intensiv, es wird vermehrt natürliches bzw. mageres Substrat verwendet und die Begleitflächen an Fernstraßen sind oft wesentlich breiter. Die Ergebnisse des Vorhabens werden 2018 gleichfalls in der o.g. Schriftenreihe des BfN veröffentlicht.

Exkursion

Am Nachmittag des zweiten Tages ging es dann bei bestem Wetter hinaus in die Natur, um die theoretischen Erkenntnisse am praktischen Beispiel zu veranschaulichen. Dabei konnten u.a. sowohl die älteste als auch die jüngste Grünbrücke zur Wiedervernetzung des Landes Brandenburg besichtigt werden. Beide Grünbrücken befinden sich an der A 11 im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, die Grünbrücke Schorfheide-Chorin (bei Neuhaus) wurde bereits 2004 realisiert und die Grünbrücke Melzow wurde 2014 errichtet. Der Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg hatte die Exkursion vorbereitet – ein ausführlicher Exkursionsführer mit vielen Photos bot eine attraktive Lektüre zum Nachlesen. © MIL

Fazit

Insgesamt war es eine gelungene und informative Tagung mit vielen neuen Erkenntnissen, lebhaften Diskussionen und einem spannenden fachlichen Austausch zwischen zahlreichen unterschiedlichen Akteuren. Das Bundesamt für Naturschutz wird eine Auswertung der Tagung vornehmen und diese in seiner Zeitschrift „ Natur und Landschaft“ veröffentlichen.

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